KlausurenKiste über KI, Diversität und Bildungsgerechtigkeit

Wie kann Künstliche Intelligenz die juristische Ausbildung verändern? Welche Rolle spielen Feedback, Chancengerechtigkeit und Transparenz im Jurastudium? Darüber haben wir mit den Gründern von KlausurenKiste gesprochen. Im Interview mit Rita Elezi und Ilias Azahaf berichten sie von ihrer Gründungsgeschichte, den Herausforderungen beim Einsatz von KI in der juristischen Ausbildung und ihrer Vision für ein gerechteres und moderneres Jurastudium.

1. Was steckt hinter dem Konzept von KlausurenKiste?
Die Idee zu KlausurenKiste ist aus unserer eigenen Erfahrung im Jurastudium und in der Examensvorbereitung entstanden. Wir haben selbst erlebt, wie zentral Klausurpraxis für den Studienerfolg ist und wie wenig verlässlich Studierende dabei oft begleitet werden. Man schreibt eine Probeklausur, wartet mehrere Wochen auf die Rückgabe und ist gedanklich längst beim nächsten Thema. Wenn das Feedback kommt, bleibt häufig nur der Blick auf die Note, statt die Klausur wirklich strukturiert nachzuarbeiten.
Genau hier setzt KlausurenKiste an. Juristische Klausuren lernt man nicht allein durch Lesen, sondern vor allem durch Schreiben, Wiederholen und konkretes Feedback. Dieses Feedback muss schneller, ausführlicher und nachvollziehbarer werden.
KlausurenKiste ist kein klassisches Repetitorium und keine reine Lernplattform. Wir vermitteln nicht primär neues Wissen, sondern trainieren das zentrale Handwerkszeug des Jurastudiums: Klausurenschreiben, Gutachtenstil, Schwerpunktsetzung, Argumentation und Lernen aus Fehlern. Studierende erhalten nach ihrer Bearbeitung strukturiertes Feedback mit Randbemerkungen, Gesamtvotum und nachvollziehbarer Bewertung. So wird Klausurtraining nicht nur schneller, sondern vor allem transparenter, zugänglicher und fairer.

2. Was genau war eure Motivation zur Gründung?
Der Schritt von der Idee zur Gründung ist vor allem über den Legal Hackathon entstanden. Dort haben wir uns kennengelernt. Schnell war klar, dass wir dasselbe Problem sehen: Die juristische Ausbildung ist an vielen Stellen noch sehr analog, langsam und zu wenig feedbackorientiert. Mit dem Projekt haben wir beim Hackathon den zweiten Platz erreicht. Danach wurden wir über das Gateway der Universität zu Köln unterstützt, unter anderem durch das Startup-Programm, Räume, Coaching und ein Umfeld, in dem wir KlausurenKiste gezielt weiterentwickeln konnten. Der entscheidende Auslöser war die Kombination aus eigener Studienerfahrung und technologischem Zeitpunkt. Wir kannten das Problem aus der Praxis. Gleichzeitig wurde durch KI erstmals realistisch, juristische Klausurkorrektur schneller, skalierbarer und transparenter zu machen.

3. Welche Herausforderungen sind euch begegnet?
Gerade im juristischen Bereich wird neue Technologie besonders kritisch betrachtet, vor allem wenn es um Bewertung, Ausbildung und Prüfungsleistungen geht. Das ist auch richtig: Eine juristische Klausurkorrektur muss belastbar, nachvollziehbar und fair sein. Deshalb mussten wir am Anfang nicht nur ein technisches Produkt entwickeln, sondern zuerst die Logik juristischer Korrekturen sehr genau verstehen: die Rolle der Musterlösung, die Entstehung von Randbemerkungen, die Notenbildung und die entscheidenden Bewertungskriterien. Hinzu kam, dass KI in der juristischen Ausbildung damals kaum praktisch erprobt war. Unser Weg war deshalb, KlausurenKiste Schritt für Schritt zu testen, weiterzuentwickeln und anhand realer Korrekturprozesse zu überprüfen. Eine weitere Hürde war die Finanzierung. Ein solches Produkt braucht Zeit, Fokus und Ressourcen. Das NRW-Gründerstipendium war für uns deshalb ein wichtiger Schritt, um KlausurenKiste konsequent weiterzuentwickeln.

4. Welche Rolle spielt Diversität bei Klausurenkiste?
Wir kommen nicht aus einem klassischen juristischen Elternhaus und haben selbst erlebt, dass der Zugang zum Jurastudium nicht für alle gleich selbstverständlich ist. Gerade in der juristischen Ausbildung beeinflussen Vorwissen, Sprache, Netzwerke, finanzielle Möglichkeiten und akademische Prägung oft stärker den Studienerfolg, als es formal sichtbar wird.
Diese Erfahrung prägt auch unseren Blick auf KlausurenKiste. Gutes Feedback darf nicht davon abhängen, ob man sich teure Zusatzangebote leisten kann, private Unterstützung hat oder genau weiß, wie man sich im System bewegt.
Digitale Tools können hier Barrieren senken, weil sie Feedback schneller, günstiger und breiter verfügbar machen. Für uns ist KI deshalb nicht nur ein technologisches Thema, sondern auch eine Chance, juristische Ausbildung zugänglicher, transparenter und fairer zu gestalten. Soziale, kulturelle und bildungsbezogene Ausgangsbedingungen beeinflussen den Erfolg im Jurastudium erheblich. Formal schreiben alle dieselben Klausuren, tatsächlich starten aber nicht alle unter denselben Bedingungen. Wer früh mit akademischer Sprache, juristischem Denken oder starken Netzwerken vertraut ist, bewegt sich oft sicherer durch das Studium.

5. Welche Bedeutung hat Diversität für euch – persönlich sowie für die Entwicklung eurer Plattform? Inwiefern beeinflussen soziale, kulturelle und bildungsbezogene Ausgangsbedingungen den Erfolg im Jurastudium trotz formal gleicher Prüfungsbedingungen?
Soziale, kulturelle und bildungsbezogene Ausgangsbedingungen beeinflussen den Erfolg im Jurastudium erheblich. Formal schreiben alle dieselben Klausuren, tatsächlich starten aber nicht alle unter denselben Bedingungen. Wer früh mit akademischer Sprache, juristischem Denken oder starken Netzwerken vertraut ist, bewegt sich oft sicherer durch das Studium. Mit der These, dass Multikulturalität eine Zusatzqualifikation sein kann, können wir uns gut identifizieren. Für uns bedeutet sie vor allem Perspektivenvielfalt: die Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen Lebenswelten zu vermitteln, sich auf verschiedene Menschen einzustellen und Probleme aus mehr als nur einer Richtung zu betrachten. Gerade beim Aufbau von KlausurenKiste ist das ein Vorteil. Wir sprechen mit Studierenden, Universitäten, Kanzleien, Förderern und Partnern, die jeweils unterschiedliche Erwartungen und Perspektiven mitbringen. Ein Bildungsprodukt profitiert davon, wenn es nicht nur für eine homogene Gruppe gedacht ist, sondern möglichst viele Studierende mit unterschiedlichen Ausgangslagen erreicht.

6. Welche Faktoren erschweren aktuell die Vergleichbarkeit von Klausurbewertungen, und welche Rolle spielt klausurenkiste.de dabei, mithilfe von KI mehr Objektivität zu schaffen?
Ein zentrales Problem juristischer Klausurbewertung ist die fehlende Vergleichbarkeit. Zwar gibt es die 18-Punkte-Skala, in der Praxis wird sie aber sehr unterschiedlich angewendet. Für Studierende bleibt oft unklar, warum eine Klausur genau mit dieser Note bewertet wurde.Deshalb beginnt gute KI-Korrektur für uns nicht bei der KI, sondern bei klaren Bewertungsmaßstäben. Entscheidend sind eine belastbare Musterlösung, Schwerpunktsetzung, Teilpunkte, Rohpunkteschema und nachvollziehbare Bewertungskriterien. Erst wenn diese Grundlage stimmt, kann KI sinnvoll unterstützen. Unsere bisherigen Tests und Pilotprojekte zeigen, dass solche Rohpunkteschemata Korrekturen deutlich vergleichbarer machen können. In einer Untersuchung sank die durchschnittliche Streuung menschlicher Bewertungen von 5,25 Punkten ohne Rohpunkteschema auf 2,94 Punkte mit Rohpunkteschema. Das entspricht einer Reduktion um rund 44 Prozent. KlausurenKiste setzt genau dort an. Die KI prüft Bearbeitungen entlang konkreter Maßstäbe und gibt nicht nur eine Note, sondern Randbemerkungen, ein Gesamtvotum und konkrete Hinweise zur Verbesserung. Vertrauen entsteht dabei nicht durch die Behauptung, dass KI immer richtig liegt, sondern durch Transparenz: Studierende müssen sehen können, nach welchen Kriterien bewertet wurde, welche Punkte erkannt wurden und wo Abweichungen zur Musterlösung bestehen. KI ersetzt nicht die juristische Ausbildung und macht Korrekturen nicht automatisch objektiv. Sie kann aber helfen, Feedback schneller, ausführlicher und stärker an einheitlichen Kriterien auszurichten.

7. Ist das Jurastudium in seiner jetzigen Form reformierbar, ohne seinen Kern (das Staatsexamen) zu verlieren?
Das Staatsexamen muss nicht zwingend abgeschafft werden, sollte aber stärker an die Realität juristischer Arbeit angepasst werden. Der heutige Prüfungsmodus ist noch stark auf Wissensreproduktion unter Zeitdruck ausgerichtet. Gerade dort, wo es vor allem um Recherche, Wiederholung und reine Reproduktion geht, wird KI die Anforderungen verändern. Wenn KI künftig einen erheblichen Teil juristischer Vor- und Fleißarbeit unterstützt, sollte sich das auch in Ausbildung und Prüfungsformaten widerspiegeln. Denkbar wäre etwa, bestimmte Klausurformate unter kontrollierter KI-Nutzung zuzulassen und zugleich den Stellenwert mündlicher Prüfungen zu stärken. Die juristische Ausbildung sollte sich stärker auf Fähigkeiten konzentrieren, die nicht ohne Weiteres automatisiert werden können: dogmatisches Verständnis, Argumentation, Urteilsvermögen, Kommunikation, Verhandlung, strategisches Denken und der verantwortungsvolle Umgang mit technischen Werkzeugen. Genau diese Fähigkeiten sollten künftig auch stärker geprüft werden.

8. Wenn ihr eine einzige strukturelle Veränderung im Jurastudium sofort umsetzen könntet, welche wäre es und warum genau diese?
Wenn wir eine strukturelle Veränderung sofort umsetzen könnten, wäre es ein verbindlicher Anspruch auf zeitnahes, qualifiziertes Feedback zu jeder geschriebenen Klausur. Heute warten Studierende bei Klausuren oft Wochen oder Monate auf Rückmeldungen. Diese Zeit geht im Lernprozess verloren. Gerade im Jurastudium ist Feedback aber entscheidend, weil man Klausurtechnik nur durch Schreiben, Nacharbeiten und konkrete Hinweise verbessert. KI kann hier als unterstützendes Werkzeug eingesetzt werden: nicht als Ersatz für menschliche Bewertung, sondern als vorgeschaltete KI-Vorkorrektur. Sie kann Randbemerkungen, Schwerpunktanalysen, Abgleiche mit der Musterlösung und ein erstes Bewertungsbild vorbereiten. Die finale Verantwortung muss weiterhin bei Menschen liegen. Der große Reformeffekt wäre aber mehr Geschwindigkeit und Transparenz. Wenn Korrekturen konsequent entlang klarer Kriterien, Musterlösungen und Rohpunkteschemata vorbereitet werden, wird besser nachvollziehbar, warum Punkte vergeben oder nicht vergeben werden. Für uns wäre das der wichtigste Schritt: juristisches Feedback schneller, transparenter und gerechter verfügbar zu machen.

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