Hauptschule, Jurastudium, Referendariat – Ein Bildungsweg, der Mut macht

Oualid El Ouakili ist Jurist, Erstakademiker und Mitglied bei NMKJ. Von der Hauptschule ins Jurastudium – seinen Weg hat er abseits klassischer Bildungsbiografien gefunden. Im Interview spricht er über Umwege, Chancengleichheit und die Frage, was es wirklich braucht, um im System Jura zu bestehen.

Wenn du deine Geschichte in drei Worten beschreiben müsstest, welche wären das und warum?“

Umwege. Disziplin. Vertrauen.

Umwege, weil mein Weg alles andere als geradlinig war. Hauptschule, Leistungssport und viele Stationen, die auf den ersten Blick nicht zu Jura passen. Disziplin, weil das bisschen Talent allein nie gereicht hätte. Es waren die vielen kleinen Entscheidungen, trotz Rückschlägen weiterzumachen. Und Vertrauen, weil ich irgendwann lernen musste, an mich selbst zu glauben, auch wenn andere es noch nicht getan haben.

Du warst der erste in deiner Familie, der diesen akademischen Weg gegangen ist. Was hat dir auf diesem Weg am meisten gefehlt und was hätte dir den Einstieg ins Jurastudium erleichtert?

Mir hat vor allem Orientierung gefehlt. Nicht im Sinne von Intelligenz oder Fleiß, sondern ganz praktisch: Wie funktioniert ein Jurastudium? Welche Praktika sind wichtig? Wann bewirbt man sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter? Welche Noten braucht man wirklich? Ist eine Nebenjob mit dem Studium vereinbar? Solche Informationen hatte ich mir mühsam selbst zusammengesucht. Ein Mentor oder jemand, der diesen Weg bereits gegangen ist, hätte vieles einfacher gemacht. Nicht, weil er mir Arbeit abgenommen hätte, sondern weil man manche Fehler gar nicht erst gemacht hätte. Im selben Zug muss ich aber auch sagen, dass es eventuell ganz gut so war. So musste ich mich nicht an Empfehlungen oder Grenzen von anderen halten.

Gab es einen konkreten Moment, in dem du gemerkt hast: Dieses System Jura funktioniert nicht nach den gleichen Regeln für alle, auch wenn es nach außen oft so wirkt?

Ich glaube, das wurde mir nicht in einem einzelnen Moment bewusst, sondern nach und nach. Manche Studierende wussten schon im ersten Semester, welche Kanzleien relevant sind, wie man Netzwerke aufbaut oder welche Stationen später wichtig werden. Für mich war vieles Neuland. Das bedeutet nicht, dass das System unbezwingbar ist. Aber die Ausgangsbedingungen sind unterschiedlich. Wer die Spielregeln schon kennt, startet mit einem Vorsprung. Wer in seinen Semesterferien unbezahlte freiwillige Praktika gemacht hat, weil er nicht die Zeit zum Arbeiten nutzen musste, konnte sich ein Netzwerk aufbauen. Deshalb halte ich Transparenz und den Zugang zu Informationen für mindestens genauso wichtig wie eine Strafrechtsvorlesung.

Was hat dich im Jurastudium am meisten überrascht. Nicht fachlich, sondern im Umgang, im Denken oder in der Kultur?

Mich hat überrascht, wie stark sich viele Studierende miteinander vergleichen. Oft hatte ich den Eindruck, dass weniger über das eigene Lernen gesprochen wurde als über Noten, Praktika oder spätere Karrierepläne. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass hinter dieser Fassade häufig dieselben Unsicherheiten stecken. Viele wirken selbstbewusst, obwohl sie dieselben Zweifel haben wie alle anderen. Das hat mir gezeigt, dass man sich nicht zu sehr von dem Eindruck täuschen lassen sollte, den Menschen nach außen vermitteln.

Welche Verantwortung tragen Kanzleien und Unternehmen deiner Meinung nach, um Chancengleichheit nicht nur zu versprechen, sondern tatsächlich zu leben?

Chancengleichheit beginnt für mich nicht erst beim Bewerbungsgespräch. Sie beginnt dort, wo Informationen zugänglich gemacht werden und Menschen die Möglichkeit bekommen, Einblicke zu gewinnen. Diversität bedeutet nicht, Standards zu senken. Es bedeutet, Talente zu erkennen, die vielleicht einen anderen Lebenslauf mitbringen. Gerade Menschen mit ungewöhnlichen Werdegängen bringen häufig Perspektiven mit, die Teams langfristig bereichern können.

Wie bist du mit Leistungsdruck und dem Gefühl umgegangen, dich ständig beweisen zu müssen, gerade in einem Umfeld, das stark über Noten definiert ist?

Am Anfang wollte ich jedem beweisen, dass ich dort hingehöre. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass das unglaublich viel Energie kostet. Heute versuche ich, Leistung eher als persönlichen Maßstab zu sehen. Natürlich sind Noten wichtig – gerade in der Juristerei. Aber sie definieren nicht den gesamten Menschen. Wer sich ausschließlich über Ergebnisse bewertet, wird nie wirklich zufrieden sein. Entscheidend ist für mich, jeden Tag besser zu werden als am Tag zuvor. Es gab immer wieder Menschen, die mir Chancen gegeben haben, auch wenn das nicht so oft war, obwohl mein Lebenslauf nicht der klassische war. Dafür bin ich bis heute dankbar.

Genauso wichtig waren aber auch die Menschen, die an mir gezweifelt haben. Sie haben mich oft zusätzlich motiviert. Rückblickend haben beide Gruppen auf ihre eigene Art dazu beigetragen, dass ich meinen Weg gegangen bin.

Welchen Rat würdest du deinem 16-jährigen Ich heute mit auf den Weg geben?

Mach dir weniger Gedanken darüber, was andere über deinen Weg denken. Mit 16 wollte ich vieles schneller erreichen und habe Rückschläge oft als Niederlagen gesehen. Heute weiß ich, dass Umwege manchmal genau die Erfahrungen sind, die man später braucht. Nicht jeder muss mit 20 genau wissen, wo er einmal landen wird.

Mit 16 wollte ich vieles schneller erreichen und habe Rückschläge oft als Niederlagen gesehen. Heute weiß ich, dass Umwege manchmal genau die Erfahrungen sind, die man später braucht. Nicht jeder muss mit 20 genau wissen, wo er einmal landen wird.

Was sollten Leserinnen und Leser aus diesem Interview für sich mitnehmen?

Ich hoffe, dass niemand seinen eigenen Weg vorschnell begräbt, nur weil er nicht dem klassischen Lebenslauf entspricht. Herkunft, Schulform oder das Elternhaus entscheiden nicht darüber, was später möglich ist. Sie können den Weg schwieriger machen, aber sie legen nicht das Ziel fest. Man muss nicht den perfekten Start haben – wichtiger ist, dass man bereit ist, konsequent weiterzugehen.

Du bist selbst Mitglied im NMKJ. Was hat dich dazu bewegt und warum ist ein Netzwerk wie dieses gerade für Menschen mit einem untypischen Werdegang wichtig?

Mich hat vor allem die Möglichkeit bewegt, mich frühzeitig mit Menschen aus der juristischen Berufswelt zu vernetzen. Gerade wenn man als Erste:r in der Familie studiert, hat man oft das Gefühl, dass die klassische Jurawelt und ihre Netzwerke ziemlich weit entfernt sind. Dabei ist dieser Platz gar nicht so weit weg .Das hätte ich selbst gerne schon während des Studiums bzw. vor meinen ersten Schritten in die Berufswelt gewusst.

Oualid El Ouakili, Rechtsrefrendar

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